Die Dankeskirche

Warum die Dankeskirche so heißt

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Nach ihrer Eröffnung im Jahr 1884 dürften die Weddinger die Dankeskirche mit eher gemischten Gefühlen betreten haben. Denn das neue Gotteshaus auf dem Weddingplatz erinnerte sie an ein Attentat – und  an die danach einsetzende politische Repression gegen die Arbeiterbewegung in Deutschland.

Doch die alte Dankeskirche existiert nicht mehr. Im Jahr 1944 wurde der neoromanische Bau des Architekten August Orth zerstört, der auch die Gethsemane-Kirche in Prenzlauer Berg und die Zionskirche in Mitte entworfen hatte. Allerdings wurde der Neubau der Kirche zunächst zurück gestellt, bis der verkehrsgerechte Ausbau der Müller- und Reinickendorfer Straße abgeschlossen war. Bis 1972 musste die Gemeinde ihre Gottesdienste in einer Notkirche auf dem benachbarten Dorotheenstädtischen Friedhof II abhalten, bevor sie in den Neubau des Architekten Fritz Bornemann (u.a. Rathaus-Neubau Wedding) umzog.

Heute versteckt sich hinter den Bäumen des Weddingplatzes ein eher schlichtes, aus Beton und Glasflächen zusammengefügtes Bauwerk. Der Lichteinfall im Inneren erinnert an die Bilder Lyonel Feiningers aus den 1920er Jahren. Genutzt wird sie von der Syrisch-Orthodoxen Kirche, deren Mitglieder vor allem aus der Türkei, aus Syrien und dem Libanon stammen und die auf der Missionstätigkeit der Apostel in der Zeit des Urchristentums gründet. In einer der modernsten Kirchen im Wedding haben Mitglieder der ältesten christlichen Kirche der Welt, die Aramäer, ein neue Zuhause gefunden. Es sind Menschen, die zum Teil auf Grund Ihres Glaubens verfolgt wurden und nun in Deutschland leben.

Beim Neubau eines zerstörten Gotteshauses wird der alte Name von der Gemeinde übernommen. Bei der Dankeskirche führt uns dieser in das Deutsche Historische Museum unter den Linden: Hier findet sich in einer Vitrine der mit 20 Schrotkugeln zerschossene und blutdurchtränkte Mantel von Kaiser Wilhelm I, den er während eines Attentats im Jahre 1878 getragen hatte.

Als Dank dafür, dass er diesen Anschlag und einen weiteren Versuch drei Wochen zuvor überlebte, stiftete er die Dankeskirche. Der Name erinnerte die Weddinger allerdings nicht nur an die Dankbarkeit des Kaisers, sondern auch an eine weitere politische Auswirkung des Attentats. Reichkanzler Otto von Bismarck machte für die Anschläge Sozialdemokraten verantwortlich und nutzte sie zur Durchsetzung der Sozialistengesetze.

Diese verboten sozialistische und sozialdemokratische Organisationen und Gewerkschaften und wirkten sich, obwohl 1890 aufgehoben, tief auf die politische Kultur im Kaiserreich bis hin zum ersten Weltkrieg aus.

Eberhard Elfert

Erschienen: „ecke müllerstraße“
Zeitung für das »Aktive Zentrum« und Sanierungsgebiet Müllerstraße
Hrsg: Bezirksamt Mitte von Berlin, Stadtentwicklungsamt, Fachbereich Stadtplanung

Artikel als PDF: elfkonzept_dankeskirche