Mythos “Roter Wedding”

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Wer in politischen Gremien im Wedding aktiv ist, der kann beobachten, dass man sich im einzigen Arbeiterbezirk gern auf die Tradition fortschrittlicher politischer Kräfte bezieht. Bemerkenswert ist dabei, dass es im Wedding in den letzten Jahrzehnten keine kritische Reflektion der Geschichte und vor allem der Gedenkkultur gegeben hat, wie sie zu der Zeit in anderen West-Berliner Bezirken wie Schöneberg oder Kreuzberg üblich war. Sonst wäre längst aufgefallen, dass die hier vor Ort ansässige SPD in den 1950er und 1960er Jahren bedeutende historische Zeugnisse abreissen ließ – wie die „Roten Häuser“ in der Prinzenallee, die „Pharussäle“ in der Müllerstraße, den „Meyer’s Hof“ in der Ackerstraße und auch die Kösliner Straße, dem Schauplatz von 1929. Etwas verkürzt lässt sich feststellen, dass die Geschichte der Arbeiterbewegung einem damals gängigen Antikommunismus geopfert wurde.

Da nützt auch die Diskussion um die kolonialen Straßennamen und die kürzlich eingeweihte Informationsstelle am Eingang des Afrikanischen Viertels wenig. Denn der Leopoldplatz wurde in den letzten Jahren zwar umgestaltet, ein Hinweis auf den Namensgeber ist bis heute nicht zu finden. Über die Umbenennung der Tromsöer Straße am U-Bhf. Osloer Straße ist nicht einmal nachgedacht worden. Die Straße erhielt im Jahre 1940 den Namen der norwegischen Stadt, unmittelbar nachdem die Deutschen im Zweiten Weltkrieg dort einmarschiert waren.

Nun soll der Findling, der an die politischen Ereignisse des 1. Mais 1929 in der Wiesenstraße erinnert, kommentiert werden. Dies ist sicher eine gute Idee, allerdings wohl kein leichtes Unterfangen. Zu einem handelt es sich bei dem „Blutmai“, an den der Findling erinnern soll, um den zentralen „Mythos“ des Roten Wedding. Mythos deshalb, weil es sich eben nicht – wie oft überliefert – um einen niedergeschlagenen Arbeiteraufstand handelt. Die Polizei erschoss und das geht aus Untersuchungen hervor, unbewaffnete Zivilsten. Zum anderen stammte der Befehl, am 1.Mai gegen die eigene Bevölkerung vorzugehen, von einem SPD-Polizeipräsidenten.

Ein Antrag der SPD zur Kommentierung des Gedenksteines für die Ereignisse von 1929 ist von der Bezirksverordnetenversammlung Mitte erst in den „Ausschuss für Bildung, Kultur und Umweltschutz und dann in die „AG Geschichte“ verwiesen worden. Man kann sich nun fragen, ob es  wohl zielführend ist, dass Politiker über Geschichte beraten.

Es wäre sinnvoll, wenn sich unsere politischen Repräsentanten darauf einigen könnten, ein unabhängiges Gutachten zur Erinnerungskultur in Berlin-Mitte in Auftrag zu geben. Darin sollte die Gesichte des Gedenkens im Wedding im Speziellen und dann auch im ganzen Bezirk Mitte (das heißt auch zum Teil im ehemaligen Ost-Berlin!) dargestellt sowie Perspektiven für die Zukunft aufgezeigt werden